Anlegen und Verbessern von Weißstorch-Nahrungshabitaten

Weißstorch - Informationsblatt Nr. 4

(Internetausgabe 4/2003)

Die langfristig entscheidende Maßnahme für den Weißstorch-Schutz ist die Erhaltung seiner Nahrungshabitate, d.h. der Flächen, auf denen der Weißstorch Nahrung findet. Dabei werden gleichzeitig die Überlebenschancen für zahlreiche weitere Pflanzen- und Tierarten, die den gleichen Lebensraum besiedeln, erhöht. Das schließt ein, im Zuge von Schutzmaßnahmen, die vorrangig dem Weißstorch dienen, keine anderen Arten zu gefährden bzw. zu vernichten. In unserer Kulturlandschaft ergeben sich bei der Realisierung dieser Zielstellung vielfältige Verbindungen zwischen Naturschutz und landnutzenden Wirtschaftszweigen. Das vorliegende Informationsblatt will allen Interessenten und beteiligten Personen spezifische Kenntnisse vermitteln und Anregungen für gemeinsames Handeln geben.

1. Nahrung des Weißstorches

Der Weißstorch besitzt hinsichtlich seiner Nahrung große Anpassungsfähigkeit. Lediglich für die Nestlinge werden in den ersten Lebenswochen kleinere, weiche Beutetiere benötigt. Das Beutetierspektrum umfaßt Kleinsäuger (Mäuse, Wühlmäuse, Spitzmäuse, Maulwürfe), Frösche, Reptilien, Insekten (Käfer u. deren Larven, Heuschrecken, Maulwurfsgrillen u.a.) und Regenwürmer. Frösche stellen dabei nicht die typische Weißstorchnahrung dar, wie es häufig dargestellt wird. Gelegentlich werden Fische (auch Aas!), Vögel, Schnecken und Blutegel, seltener Kröten, aufgenommen.

Nahrungsbedarf: Nach einschlägigen Untersuchungen benötigen vier etwa 50 Tage alte Weißstorch-Junge täglich 2,6 kg Nahrung; mit dem Bedarf der Altvögel (ein Brutpaar) etwa 4 kg pro Tag. Steht diese beachtliche Menge nicht zur Verfügung, verhungern zuerst die schwächsten Jungen.
Der Weißstorch ist ein ausgesprochener Schreitjäger, der seine Beute erspäht und vom Boden aufnimmt (siehe Bild 1). Gelegentlich lauert er vor Schlupflöchern von Mäusen, liest Nahrungstiere von Pflanzen ab und sucht Beute im flachen Wasser.
Bevorzugtes Nahrungshabitat ist periodisch überflutetes bis feuchtes Grünland, vor allem in Wassernähe (siehe Bild 2). Auch extensiv genutzte Wiesen und Weiden sowie Äcker mit niedriger Vegetation ermöglichen den Nahrungserwerb. 



Bild 1: Weißstorch bei der Nahrungssuche,
Foto: J. Hennersdorf

Dabei werden auch kleinste Flächen nach Ernte oder Bodenbearbeitung (Pflügen!) zielgerichtet aufgesucht. Ungeeignet sind auf Grund der dargestellten Art des Beuteerwerbs in jedem Falle Flächen mit geschlossenen, hohen Pflanzenbeständen, z.B. auch Intensivgrünland. Die Art der Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen spielt also eine wichtige Rolle.



Bild 2: Nahrungshabitat des Weißstorches (Aue der Großen Röder bei Oberrödern, Kreis Riesa-Großenhain),
Foto: P. Hummitzsch

Neben der Art der Nahrungshabitate besitzt deren Größe und Entfernung vom Nest entscheidende Bedeutung. Als Richtwert sollten im Umkreis von 3 km um den Brutplatz etwa 300 ha Grünland vorhanden sein.

Wichtig sind Nahrungshabitate im unmittelbaren Nestbereich, insbesondere für die Ernährung der Jungen in den ersten Lebenswochen. Zunehmende Entfernung zwischen Nest und Nahrungsflächen erhöht den Aufwand für den Nahrungserwerb und bedeutet eine akute Gefährdung der Nestlinge in Schlechtwetterperioden.

Aus den dargelegten Fakten und Zusammenhängen leiten sich alle Maßnahmen für den Schutz der Nahrungshabitate ab.

2. Erhaltung und Verbesserung vorhandener Nahrungshabitate

2.1.

Die Erhaltung noch vorhandener Nahrungshabitate besitzt schon aus Kostengründen oberste Priorität. Das betrifft Maßnahmen der Landwirtschaft (Grünlandumbruch und -Trockenlegung, Anbauintensivierung), aber auch anderer Wirtschaftszweige (Bauwesen, Wasserwirtschaft, Straßenbau), die für den Weißstorch wichtige Flächen "verbrauchen". Alle an solchen Vorhaben Beteiligten sollten in gemeinsamer Verantwortung Möglichkeiten zur Minimierung derartiger Eingriffe bzw. Durchführung von Ausgleichsmaßnahmen konsequent prüfen. Umweltverbände können dabei im Rahmen der Gutachtertätigkeit einen wichtigen Beitrag leisten.

2.2.

Ziel der Grünlandextensivierung ist die Verringerung des Nährstoffgehaltes der Böden auf ein Niveau, das sich auf die natürlichen Standortverhältnisse einstellt. Im Ergebnis werden Lebensräume für Beutetiere des Weißstorches geschaffen. Da Grünlandextensivierung infolge Verringerung der Flächenleistung mit veränderten Kosten-Nutzenrelationen der Bewirtschaftung verbunden ist, sind staatliche Förderprogramme erforderlich, die ein wichtiges Feld schöpferischer Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und Förderinstitutionen darstellen.

2.3.

Die abschnittsweise Mahd von Grünland und Ackerfutter in etwa 14-tägigen Intervallen, die Staffelmahd, schafft ständig Flächen, auf denen der Weißstorch Nahrung findet. Ähnliche Wirkung besitzt die Mahd von Grünlandbrachen. Bei Regelungen zur Spätmahd infolge landwirtschaftlicher Förderprogramme ist zu versuchen, einige Flächen, insbesondere in der Nähe von Weißstorchbrutplätzen, früher zu mähen. Dabei dürfen keine Gefährdungen anderer Arten (Wiesenbrüter, Wiesenpflanzen, Insekten) eintreten.

2.4.

Pflegemaßnahmen der Uferregionen von Stand- und Fließgewässern sind u.a. die Anlage eines die Eutrophierung mindernden Schutzstreifens (Mindestbreite 10 m), der ständig von hoher Vegetation freizuhalten ist, sowie das Abflachen der Uferböschungen. Die Vernichtung wertvoller Verlandungsgesellschaften ist auszuschließen.

2.5.

Im Nah- und Sichtbereich des Nestes sind o.g. Maßnahmen von größter Bedeutung (s. auch Pkt. 3.7.).

3. Anlage von Nahrungshabitaten

3.1.

Bei der Anlage von Kleingewässern (siehe Bild 3) (ständig oder zeitweilig wasserführend) sind folgende Grundsätze zu beachten:

·

Sorgfältige Prüfung des Standortes, um die Zerstörung vorhandener wertvoller Lebensräume auszuschließen.



Bild 3: Neuanlage von Wassertümpeln (Neißetal) bei Zittau,
Foto: J. Graf

·
Am günstigsten sind Flächen mit nassem Untergrund auf wasserstauenden Bodenschichten in der Grünland- bzw. Ackerflur (evtl. Rückbau von Meliorationsanlagen) und in Flußauen (periodische Überschwemmungen).
·
Die Ermittlung des Bodennährstoffgehaltes gibt Aufschluß über die Eutrophierungsgefährdung des neuen Kleingewässers.
·
Die Ablagerung der Aushubmassen als flacher Damm um das Kleingewässer spart Kosten, birgt allerdings auch die Gefahr seiner Eutrophierung (Nährstoffeinwaschung) und der Ruderalisierung der Umgebung in sich.

·

Kleine Fließgewässer nicht anstauen, sondern einen Teil des Wassers ableiten und in diesem Nebenschluß ein Kleingewässer anlegen.

·
Die Kleingewässerfläche sollte 100 m² nicht unterschreiten. Mehrere kleine Gewässer in einer Gruppe sind günstiger als eine große Wasserfläche.
·
Ein Teil des Kleingewässers sollte mindestens 1 m tief sein, um Amphibien und anderen Tieren das sichere Überwintern zu ermöglichen.
·
Die Ufer sind flachauslaufend mit einer buchtenreichen Grenzlinie zwischen Wasser und Land zu gestalten.
·
Um das Kleingewässer ist ein mindestens 10 m breiter Schutzstreifen zur Verminderung der Eutrophierung und als Sicherung vor Weidevieh anzulegen.
·
Einbringung von Wasserpflanzen und Ansiedlung von Tieren bei der Kleingewässeranlage sind unnötig.
·
Kleingewässer bedürfen der Pflege (abschnittsweise Entschlammung, evtl. Beseitigung zu starken Pflanzenwuchses und Wasserstandsregulierung).
·
Entsprechend den örtlichen Bedingungen sind evtl. behördliche Genehmigungen (Untere Wasserbehörde) einzuholen und Abstimmungen mit Flächeneigentümern bzw. -nutzern zu treffen.

3.2.

Die Renaturierung von Gräben erfolgt mit dem Ziel der Wiederherstellung ihrer ursprünglichen Gestalt.

Rückbau der Verrohrung  bzw. naturfremder Sohlbefestigungen.

Abflachung der  Uferböschungen (Böschungsverhältnis 1:2 - 1:3), wodurch die Nahrungssuche für den Weißstorch erleichtert wird.

Anlage von Grabentaschen (siehe Bild 4).

Die Sohlentiefe von Gräben bzw. Grabentaschen darf nicht die freie Sicht des Weißstorches in die Umgebung verhindern



Bild 4: Ausbildung einer Grabentasche,
Zeichnung nach KAATZ und BERNDT, s. u.

·

Beseitigung zu starken Pflanzenwuchses (Durchführung im Winterhalbjahr und Beräumung der Grabenseiten in jährlichem Wechsel) bzw. dessen Verhinderung  durch abschnittsweises Bepflanzen mit Gehölzen. Keine Gefährdung geschützter Pflanzen(gesellschaften)!

·

Sicherung des Grabens gegen Nährstoffeintrag und Zerstörung der Uferböschungen durch Weidetiere.

3.3.

Die Renaturierung größerer Fließgewässer, insbesondere Bäche stellt i.a. einen Eingriff dar, der einen höheren Aufwand für Planung, Projektierung und Durchführung erfordert. Es soll deshalb an dieser Stelle auf eine Arbeit von J. GRAF, s.u., verwiesen werden. Ähnliches gilt für die Renaturierung von Fließgewässer - Altarmen, zu der im Kreis Riesa-Großenhain erste praktische Erfahrungen vorliegen.

3.4.
Die Grünland(wieder)vernässung verursacht in der Regel eine eingeschränkte Nutzungsmöglichkeit der Flächen. Die Befahrbarkeit mit Erntemaschinen nimmt ab, und auch die Beweidung kann nur in geringem Umfang erfolgen. Es sollten deshalb kleinere Flächen für diese Maßnahme vorgesehen werden, deren Mahd in Handarbeit oder mit geeigneter leichter Technik möglich ist. Die Arbeiten werden vorrangig von Naturschützern (Naturschutzstationen, Landschaftspflegeverbände, ehrenamtliche Kräfte in Fachgruppen der Naturschutzverbände) durchgeführt. Die Einbeziehung von Landwirten ist über vertragliche Regelungen möglich. Durch letztere kann auch eine Nutzung des stets abzutransportierenden Mähgutes gesichert werden.

3.5.

Grundsätze der Anlage von Kleingewässern sind spezifiziert auch bei der Rekonstruktion von Dorfteichen, Rückhaltebecken, Kleinspeichern u.a. (Mehrfachfunktion von Landschaftselementen) sowie bei der Renaturierung verfüllter Senken anzuwenden. Letztgenannte Maßnahme ist besonders erfolgversprechend, da solche Standorte auf geeignete Bodenverhältnisse hinsichtlich Wasserundurchlässigkeit hindeuten.

3.6.
Die Schaffung von ufernahen Flachwasserbereichen (mit angrenzendem Feuchtgrünland!) bei der Bergbaurekultivierung, einer in Sachsen sehr aktuellen Aufgabe, für die umfangreiche staatliche Fördermittel zur Verfügung stehen, erfordert das enge Zusammenwirken von Naturschutz und Bergbau bzw. Rekultivierungsunternehmen (siehe Bild 5) Diese Schutzmaßnahme eröffnet die Möglichkeit der Wiederbesiedelung von Gebieten durch den Weißstorch, in denen er ehemals heimisch war.



Bild 4: Überschwemmungsfläche im Zuge der Bergbaurekultivierung (Kascheler Wiesen, Niederschlesischer Oberlausitzkreis),
Foto: R. Schreyer

3.7.
Im Nah- und Sichtbereich des Nestes können die dargelegten Maßnahmen ergänzt werden, z.B. durch:

·

Anlage von Komposthaufen (Regenwürmer!), die in Schlechtwetterperioden zur Erleichterung des Nahrungserwerbs durch den Weißstorch ausgebreitet werden, oder
·
Aussetzen von Nahrungstieren (z.B. Weißfische) in flachen Kleinteichen unter naturschutzfachlicher Abwägung eventueller Gefährdungen (Amphibienlaichgewässer!).

KAATZ, C. und BERNDT, D.: "Helft dem Storch - Rettet seinen Lebensraum", Herausgeber:  Bund für Natur und  Umwelt, Arbeitskreis Weißstorch, 1990

GRAF,J.: "Erfahrungen bei der Renaturierung von Fließgewässern im Landkreis Löbau-Zittau", Naturschutzarbeit in Sachsen 1995

4. Gesetzliche Grundlagen und Organisation der Arbeit

 4.1.

Die dargestellten Maßnahmen zu Lebensraumerhaltung und -schaffung für den Weißstorch stellen in der Mehrzahl Eingriffe dar, die eine umfassende Planung erfordern. Voraussetzung für den Erfolg ist einerseits die Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und anderen Wirtschaftszweigen (Landwirtschaft, Bauwesen, Wasser-wirtschaft, Bergbau), andererseits aber auch mit den Flächennutzern bzw. -eigentümern. Das betrifft die fachgerechte Vorbereitung und Durchführung der Maßnahmen einschließlich der Gewährleistung des dauerhaften Erfolges, die Finanzierung sowie die Auswahl der geeigneten Flächen.

4.2.

Die gesetzliche Grundlage bildet das Sächsische Naturschutzgesetz vom 16.12.1992, das im § 1 - Ziele und Grundsätze des Naturschutzes und der Landschaftspflege - u.a. vorschreibt, Feuchtgebiete, insbesondere sumpfige Flächen, Teiche und Tümpel zu erhalten und vor Beeinträchtigungen nachhaltig zu schützen. Im Abschnitt Eingriffe, die unzulässig bzw. auszugleichen sind, werden u.a. der Ausbau oberirdischer Gewässer, die Entwässerung von Feuchtgebieten und der Umbruch von Dauergrünland genannt. Rechtliche Bestimmungen für die Herstellung eines Gewässers sind im Bundes-Wasserhaushaltsgesetz vom 23.09.1986 enthalten.

Ein wichtiges Instrument der Schutzarbeit stellt die Verwaltungsvorschrift des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landesentwicklung vom 15.05.1995 zum Vertragsnaturschutz dar, durch die vertragliche Vereinbarungen zwischen Naturschutzbehörden und den Bewirtschaftern landwirtschaftlich genutzter Flächen für die Durchführung einer naturschutzgerechten Bewirtschaftung abgeschlossen werden können.

Die Richtlinie des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landesentwicklung vom 07.07.1994 regelt Fördermöglichkeiten der Biotop- und Landschaftspflege sowie des Artenschutzes u.a. für Verbände, private Grundstückseigentümer und Naturschutzstationen

4.3.

Das Mitwirkungsrecht der anerkannten Umweltverbände bei der Durchführung von Schutzmaßnahmen für Flächennaturdenkmale und Landschaftsschutzgebiete ist in § 57 des Sächsischen Naturschutzgesetzes fixiert. Die Verbände werden auch als Gutachter in die Landschaft verändernde Vorhaben einbezogen und können selbst schutzwürdige Flächen pachten bzw. kaufen.

4.4.

Aus der Art der Schutzvorhaben und den gesetzlichen Grundlagen ergibt sich für engagierte Bürger die Konsequenz, entsprechende Kontakte zu Naturschutzinstitutionen (siehe Adressenliste Weißstorch-Informationsblatt Nr. 2) herzustellen, um Vorschläge zu unterbreiten bzw. auf eigenem Grund und Boden Vorhaben zu realisieren. Über die Mitgliedschaft in einem Umweltverband erhöht sich die Möglichkeit der Mitwirkung wesentlich.

Zum Thema Weißstorch sind diese Informationsblätter bereits erschienen:


Nr. 1: Der Weißstorch braucht unsere Hilfe!


Nr. 2: Wie dem Storch helfen?
- Handlungsanleitung für den Weißstorchschutz


Nr. 3: Errichtung von Nisthilfen für den Weißstorch


Nr. 5: Weißstorch-Schutz an Elektroanlagen und Nestpflege

 

Spendeninformation:

Spenden bitte an das Spendendurchlaufkonto

Konto der Landeshauptstadt Dresden

Stadtsparkasse Dresden

Konto-Nr.:0140 000 130

BLZ 850 551 42

Verwendungszweck: Naturschutzinstitut Vereins-Nr. 355

Bitte stets die vollständige Adresse des Spenders angeben!

(Falls keine Spendenbescheinigung benötigt wird, kann direkt an das Konto des NSI Region Dresden überwiesen werden.)

Die Erarbeitung dieses Informationsblattes erfolgte
durch Förderung vom Freistaat Sachsen und  mit Unterstützung der

 

28. 4. 2003