Weißstorch-Schutz an Elektroanlagen und Nestpflege

Weißstorch - Informationsblatt Nr. 5

(Internetausgabe 4/2003)

1. Nahrung des Weißstorches

Neben Einschränkungen ihres Lebensraumes sind unsere Weißstörche weiteren Gefährdungen ausgesetzt: Die Verdrahtung der Landschaft und Gefahren am Nest sowie in seiner unmittelbaren Umgebung führen alljährlich zu Verlusten. Das Weißstorch-Informationsblatt Nr. 5 beschreibt diese Verluste und gibt Hinweise zu ihrer Verminderung.

Elektromasten und Freileitungen, im Folgenden als Elektroanlagen bezeichnet, stellen eine der größten Gefährdungen des Weißstorches in seinem mitteleuropäischen Brutgebiet dar. Das betrifft Brutplätze, aber auch Durchzug- und Rastgebiete. Tabelle 1 enthält Verluste aus einigen Kreisen des Regierungsbezirkes Dresden.

Tab. 1:

Weißstorchverluste an Elektroanlagen im Regierungsbezirk Dresden
Landkreis Zeitraum Totfunde
Großenhain 1972-1992 90
Meißen 1986-1993 3
Hoyerswerda 1990-1992 4
In der Tabelle 2 sind Verluste nach Auswertung sächsischer Ringfunde für die Jahre 1964 - 1993 zusammengestellt (KIRCHHOFF 1994). Nach FIEDLER (1986) sind flugunsichere Jungstörche im 1. Lebensjahr am stärksten gefährdet:
Deutschland (BRD + DDR) 1971 - 1979:
ca. 84 % aller Opfer an Elektroanlagen.
Tab. 2: Verlustübersicht nach Auswertung der sächsischen Ringfunde (n=126) 1964 -1993 unter Angabe der Todesursache

Stromopfer, Foto: J. Graf

Todesursache Totfunde
Kollision mit E-Leitung bzw. -Mast 59
Kollision mit Schienenfahrzeug 2
Kollision mit Straßenfahrzeug 3
Kollision mit Luftfahrzeug 1
geschossen 1
Unfall in wasserbaulichen Anlagen 2
Unfall in Hohlräumen bzw. Schornsteinen 1
Tierbeute 1
Todesursache unbekannt 56

Summe

128

Zu den Angaben ist stets eine hohe Dunkelziffer hinzuzufügen, da zahlreiche Opfer nicht gefunden oder von aasfressenden Tieren beseitigt werden.

Die große Mehrzahl der Unfälle an Elektroanlagen ereignet sich an Masten (nach FIEDLER 1993 > 80%), vorrangig an Mittelspannungsmasten (>1 bis 60 kV) mit stehenden Isolatoren; außerdem verunglücken Störche durch Anfliegen an Leiterseile. Bei Mastunfällen berühren die auf dem geerdeten Mast stehenden Tiere mit Körper oder Kotstrahl spannungsführende Teile und verursachen dadurch einen tödlichen Erdschluß. Bei Nestbauversuchen auf Masten können eingetragene Äste, welche die Drähte berühren, ebenfalls einen Erdschluß verursachen. Eine weitere Unfallquelle stellt der Kurzschluß durch den Vogel zwischen zwei stromführenden Leitern dar. Auch Kriechströme bei Nässe bilden eine Gefahr. Diese Unfälle treten naturgemäß vorrangig in Nestnähe auf, wo die Jungstörche ihre ersten Flugversuche unternehmen. Aber auch auf Rastplätzen während des Zuges (Ortsunkenntnis!), infolge überhasteter Flucht durch Störungen und durch Nestkämpfe verunglücken Vögel.

FIEDLER, G. und WISSNER, A.:

Freileitungen als tödliche Gefahr für Weißstörche.
Beih. Veröff. Naturschutz Landschaftspflege, Bad.-Württ. 43. 257-270, 1986

KIRCHHOFF, U.: Versuch einer Auswertung von 30 Jahren sächsischer Weißstorchberingung. 1994 (unveröff.)
FIEDLER, G.:

Verluste an Freileitungen durch Stromschlag u. Anflug.
Schriftenreihe für Umwelt und Naturschutz im Kreis Minden-Lübbecke 2. 45-46, 1993

Starke Gefährdungen bestehen für die Nestlinge durch Witterungseinflüsse (Dauerregen und niedrige Temperaturen).
So wurden z.B. 1995 nach einer Regenperiode vom 1.6. - 17.6. witterungsbedingt in den ehemaligen Landkreisen Bautzen 31, Niesky 13 und Dresden 17 tote Jungvögel registriert. Auch hier ist eine hohe Dunkelziffer zu unterstellen.

Ursachen dieser Todesfälle sind Verklammung der Tiere (Nässe in der verdichteten Nestmulde) und Nahrungsmangel. Nestlinge benötigen in der 2. und 3. Lebenswoche spezifische Nahrung (kleine Wirbellose, z.B. Insekten, Spinnen, Tausendfüßer), deren Verfügbarkeit bei ungünstiger Witterung gering ist, deren Beschaffung einen hohen Energieaufwand der Altvögel erfordert und eine Vernachlässigung des Jungtierschutzes mit sich bringt.

Kämpfe zwischen brutwilligen Störchen um offenbar attraktive Nester führen zu lebensgefährlichen Verletzungen der Altvögel sowie zu Verlusten von Nestlingen und Eiern.

Eine weitere Gefährdung geht von offenen Schornsteinen, insbesondere in Nestnähe aus, in welche die Tiere hineinstürzen können.

Von den Altvögeln als Nistmaterial eingetragener Müll (Folien, Bindfaden, Angelschnur u.a.) stellen eine akute Gefahr für die Nestlinge dar. Folien verdichten die Nestmulde, sodass Niederschlagswasser nicht versickert.

In Fäden verfangen sich die Jungen oder sie verschlucken an Schnüren befindliche Gegenstände. Gliedmaßenabschnürungen und Todesfälle sind die Folgen.

Verluste treten auch durch Kollision mit Fahrzeugen (einschließlich Flugzeugen!) auf.

2. Schutzmaßnahmen

Abdeckhauben auf Mittelspannungsleitung mit stehenden Isolatoren,
Foto: Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke - VDEW - e. V.

Maßnahmen an Elektroanlagen
2.1. Sicherung von Masten
· Anbringen von Schutzhauben an den Drähten im Bereich der Mastquerträger, so dass der auf dem Querträger stehende Weißstorch die Drähte nicht berühren kann.
· Anbringen von Sitzstangen über den strom-führenden Teilen, wodurch das Landen auf dem Querträger verhindert wird. Diese Anlage schützt den Weißstorch, nicht jedoch kleinere Arten (Mäusebussard, Turmfalke), die trotzdem auf dem Querträger landen, da sie dort besser kröpfen können.
· Austausch von Stützisolatoren, die den Querträger überragen, gegen Hängeisolatoren
· Verlängerung von waagerechten Abspannisolatoren auf mindestens 60 cm, so dass eine Überbrückung Mast - Draht verhindert wird.
2.2. Sicherung von Freileitungen



Sitzstange , Foto: A. Körtel

·

Anbringen von Sichtmarkierungen (Kunststoffspiralen, -streifen, -wimpel), so dass Vögel das Hindernis früher wahrnehmen. Diese Methode war bisher nur an Leiterseilen im Mittelspannungsbereich und Erdseilen im Hochspannungsbereich anwendbar. Neuerdings werden auch Leiterseile im Hochspannungsbereich markiert (FIEDLER, schriftl. Mitt.).
2.3. Erdverkabelung

·

Die Erdverkabelung als wirksamste Schutzmaßnahme ist leider auch die aufwendigste und teuerste und kann nur in langfristiger Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und Energieversorgungs-unternehmen (EVU) realisiert werden.
2.4. Weitere bauliche Veränderungen an Elektroanlagen

·

Das zur Erdverkabelung Gesagte gilt auch für bauliche Veränderungen von Masten im Sinne des Weißstorchschutzes (z.B: Verlegung von spannungsführenden Teilen in "ungefährliche" Bereiche). Aussichtsreicher bezüglich ihrer Realisierbarkeit sind Absprachen mit den EVU zur Beseitigung von abgeschalteten Freileitungen, die im Zuge großflächiger Veränderungen der Energieübertragung auftreten.
Weitere Schutzmaßnahmen



Absturzgefährdetes Nest, Foto: u. Döink

2.5. Gewährleistung der Nest-Standsicherheit

Durch das ständige Eintragen von Nistmaterial während der gesamten Brut- und Aufzuchtperiode erreichen Weißstorchnester beachtliche Gewichte und Höhen. Abtragen von Nistmaterial außerhalb der Weißstorchsaison verhindert ein Abstürzen des Nestes. Dabei ist eine Gefügelockerung des Restnestes zu vermeiden.
Regelmäßige Kontrollen des Neststandortes insgesamt sind erforderlich, um bei baulichen Mängeln (Standfestigkeit des Mastes, Dachschden, Befestigung der Nestunterlage u.a.) eingreifen zu können.
2.6. Die Verminderung negativer Auswirkungen von Witterungseinfüssen

berührt die Grenzen des sinnvollen Weißstorchschutzes (Aufwand und Notwendigkeit). So ist z.B. die Zufütterung (Fischereiabfälle u.a.) in Nestnähe während Schlechtwetterperioden umstritten.
Das Weißstorch-Informationsblatt Nr. 4 enthält bereits Hinweise zur Verbesserung des Nahrungsangebotes in ungünstigen Zeiten. Wichtig sind regelmäßige Nestkontrollen außerhalb der Brutzeit zur Beseitigung von Verdichtungen der Nestmulde (Vernässungsgefahr der Nestlinge).
Dafür kann eine Drainage aus Stroh und Heu oder Röhren eingebracht werden. Dauerhafte Wirkung wird allerdings nur durch jährliche Wiederholung der Arbeiten erreicht



Drainage eines Nestes, Zeichnung nach
 S. Teschner

2.7. Die Sichtfreihaltung im Nestbereich

siehe auch Weißstorch-Informationsblatt
Nr. 2) hat Bedeutung für Baumnester, aber auch für Nistplätze mit benachbarten Bäumen. Abschnittweises Zurückschneiden der Brutbäume sowie mit den Grundstückseigentümern abgestimmte Regulierung des Baumwuchses sind notwendige Schutzmaßnahmen derartiger Standorte. Dabei ist die Genehmigungspflicht entsprechend der örtlichen Baumschutzordnung zu beachten

2.8. Nestkämpfe

treten (nicht nur!) bei fehlenden Nistgelegenheiten auf. Abhilfe kann die fachgerechte Errichtung einer Nisthilfe schaffen (s. Weißstorch-Informationsblatt
Nr. 3).
Stark zugewachsenes Weißstorchnest, das inzwischen freigeschnitten wurde, Mückenhain, Niederschlesischer Oberlausitzkreis

Foto: H. Menzel

2.9. Schornsteine

in der Nähe von Weißstorchnestern sind mit einem Schutzgitter zu versehen, um das Hineinstürzen der Tiere zu verhindern. Die Errichtung einer Nisthilfe auf einem Schornstein oder das Anbringen stabförmiger Abweiser zur Verhinderung eines Nestbauversuches sind in Abhängigkeit vom Brutplatzangebot in der Umgebung sowie der gesamten Lebensraumstruktur zu entscheiden
2.10. Beseitigung von eingetragenem Müll

aus dem Nest erfolgt grundsätzlich außerhalb der Brutsaison (jährliche Kontrolle!). Hilfe bei akuter Gefahr während der Jungenaufzucht erfordert im allgemeinen die Mitwirkung von Spezialisten und wird die Ausnahme bilden.

3. Organisation der Schutzarbeit

Die Realisierung der dargestellten Schutzmaßnahmen erfordert in der Regel einen erheblichen Aufwand, der nur von Fachkräften zu bewältigen ist. Das betrifft insbesondere Arbeiten in Verbindung mit Elektroanlagen. Sie können nur bei dauerhafter Zusammenarbeit von Naturschutzinstitutionen und Energieversorgungsunternehmen erfolgreich sein, da Überzeugungsarbeit zu leisten ist und ökonomische sowie technische Gesichtspunkte zu berücksichtigen sind, die z.T. langfristige Realisierungszeiträume zur Folge haben.

Trotzdem sind Engagement und Mitarbeit von Ornithologen, Naturfreunden, "Anwohnern" von Weißstorchnestern und allen Bürgern gefragt, weil sie wertvolle Fakten bzw. Hinweise bereitstellen können. Das betrifft u.a. Beobachtungen an Brutplätzen (z.B. abgestürzte Jungstörche, Verhalten der Tiere, Zustand des Nestes, Störungen), Nestbauversuche in bisher storchenfreien Gebieten sowie Nutzung von Nahrungsflächen. Besonders wichtig sind alle Daten in Verbindung mit Elektroanlagen, die oftmals erst Argumentationsmaterial gegenüber den Energieversorgungsunternehmen zur Durchführung von Schutzmaßnahmen liefern.

Verlustmeldungen für jeden Totfund, nicht nur für beringte Tiere, sollten nach Möglichkeit folgende Angaben enthalten:

· Datum, Finder:
· Fundort: Postanschrift des nächstliegenden Ortes,
Bodennutzung, z.B. Grünland oder Getreidestoppel
· Beschreibung der Elektroanlage: z.B. Mast (Höhe, stehende oder hängende Isolatoren), Freileitung
· Verhalten der Störche: z.B. Rastgesellschaft, Übernachtung auf Mast, Flucht nach Störung
· von beringten Tieren unbedingt Ring aufbewahren

Diese Auflistung bildet einen Rahmen; entscheidend ist die unverzügliche Meldung; eventuell auch ohne Detailangaben. Von den zu informierenden Institutionen (Adressen siehe Weißstorch-Informationsblatt Nr. 2) wird im Bedarfsfall ein Mitarbeiter die ausführliche Dokumentation und Veranlassung weiterer Schritte übernehmen.

Bei Gefahr im Verzuge im Zusammenhang mit Elektroanlagen kann der unmittelbare Kontakt des Beobachters mit dem Energieversorgungsunternehmen entscheidend sein. Die folgende Liste enthält die zuständigen Ansprechpartner in Sachsen:

Dresden: ESAG - Hauptverwaltung Dresden
Friedrich-List-Platz 2-6
01069 Dresden
Telefon: 0351 4685390
Dipl.-Ing. Thomas Markewitz
Abteilung Netztechnik
Leipzig: Westsächsische Energieversorgungs-AG
Friedrich-Ebert-Straße 26
04416 Markkleeberg
Telefon: 0341 1200
Chemnitz: Energieversorgung Sachsen-Süd (EVS) -AG
Postanschrift: Postfach 247
09002 Chemnitz
Telefon: 0371 4820
Cottbus: ESAG Spree-Schwarze Elster EV-AG
Thiemstraße 136
03048 Cottbus
Telefon: 0355 680
Anmerkung:

Die 5 Informationsschriften zum Weißstorchschutz beinhalten eine Vielzahl von Informationen und Anregungen zur Erhaltung dieser beliebten Vogelart in unserer Heimat. Die Fülle soll nicht erdrücken, sondern jedem die Möglichkeit geben, das für ihn Geeignete bzw. Machbare auszuwählen. So ensteht aus vielen Bausteinen ein Gemeinschaftswerk, das allen Beteiligten Freude bereitet und unsere Umwelt reicher macht.

Zum Thema Weißstorch sind diese Informationsblätter bereits erschienen:


Nr. 1: Der Weißstorch braucht unsere Hilfe!


Nr. 2: Wie dem Storch helfen?
- Handlungsanleitung für den Weißstorchschutz


Nr. 3: Errichtung von Nisthilfen für den Weißstorch


Nr4: Anlegen und Verbessern von Nahrungshabitaten (z.B. Tümpel, Kleinteiche, Feuchtwiesen)

 

Spendeninformation:

Spenden bitte an das Spendendurchlaufkonto

Konto der Landeshauptstadt Dresden

Stadtsparkasse Dresden

Konto-Nr.:0140 000 130

BLZ 850 551 42

Verwendungszweck: Naturschutzinstitut Vereins-Nr. 355

Bitte stets die vollständige Adresse des Spenders angeben!

(Falls keine Spendenbescheinigung benötigt wird, kann direkt an das Konto des NSI Region Dresden überwiesen werden.)

Die Erarbeitung dieses Informationsblattes erfolgte
durch Förderung vom Freistaat Sachsen und  mit Unterstützung der

 

29. 4. 2003